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Bochum, 19.05.2004
Nr. 162
  
Den Konflikt ins rechte Licht rücken
Konfessionspolitik in Deutschland zwischen 1800 und 1970
RUB-Forscher untersuchen «späte Konfessionalisierung» der Deutschen
  

Mit Luther begannen die Konflikte der Konfessionen in Deutschland und zogen sich über zwei Jahrhunderte als Epoche der «Religionskriege» hin � meint man. Dass dem nicht so ist, ergründen Forscher der Ruhr-Universität Bochum nun in ihrem Projekt «Konfessionspolitik in Deutschland 1800 - 1970», das am 1. Juni 2004 startet und zwei Jahre lang von der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert wird. «Die Rede vom �konfessionellen Zeitalter Deutschlands� in ihrer üblichen Anwendung auf das 16. und 17. Jahrhundert ist ein Anachronismus», sagt Projektleiter Prof. Dr. Lucian Hölscher, Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte (Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB). Die Thyssen-Stiftung fördert das Forschungsprojekt mit insgesamt 37.000 Euro.

Konflikte im Wandel der Zeit
Geht es um Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, so ist die Epoche der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert bestens erforscht. Die Bochumer Historiker um Prof. Hölscher wollen hingegen zeigen, dass die eigentliche Konfessionalisierung in Deutschland erst später � im 19. und 20. Jahrhundert � auftrat. Die spezifischen Züge und Verlaufsformen dieser Zeit herauszuarbeiten, ist Ziel des Projekts. «Der Begriff �Konfession� bezeichnet das kirchen- und religionspolitische Konfliktfeld», so Hölscher. «Im 19. und 20. Jahrhundert weist es keine klaren Grundstrukturen auf, sondern ist einen starken Wandel unterworfen. Die Umrisse dieses Wandels zeichnen wir nun nach.»

Die Sprache gibt den Ausschlag
Ansatzpunkt der Forscher ist eine Analyse der «Sprachpragmatik» vergangener Konfliktlagen und Entscheidungssituationen: Welcher Sprache bedienten sich die Akteure, um ihre religiös geprägten Konflikte auszutragen? Beispielhaft � aber sehr detailliert � untersuchen die RUB-Wissenschaftler sieben verschiedene Konfliktfelder aus dem Zeitraum 1800 bis 1970: etwa die Verfassungsdiskussionen in den deutschen Einzelstaaten um die rechtliche Stellung der Kirchen (1800 � 1820), die Debatten um die (Volks-)Schulpolitik, kirchliche Schulaufsicht und den Religionsunterricht (1820 � 1970), «wegweisende parlamentarische Debatten im Reichstag und im preußischen Abgeordnetenhaus» (1860 � 1900), die Debatte um die Kirchenaustrittsbewegung und die Feuerbestattung (1900 � 1914) oder die nationalsozialistische Kirchen- und Schulpolitik (1925 � 1940).

Die Konfession: ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert
«Schon die Bezeichnung der Phase 1525 - 1648 als �erstes konfessionelles Zeitalter� erscheint unter begriffsgeschichtlicher Perspektive als ein politisch motivierter Anachronismus: Denn er überträgt einen Begriff, der erst im 19. Jahrhundert seine politisch-soziale Prägung und Aussagekraft gewann, auf ein religionspolitisch völlig anders strukturiertes Jahrhundert», sagt Lucian Hölscher. Die Lutherische, Reformierte und Päpstliche (römisch-katholische) Religion unterschieden sich in der frühen Neuzeit nicht als "Konfessionen" � als formal gleichberechtigte Varianten � voneinander, sondern teils als "alte" und "neue", teils als "wahre" und "falsche" Form der einen christlichen Religion. Die Bochumer Forscher wollen hingegen zeigen, dass der Begriff eines «konfessionellen Zeitalters» nur auf den politischen Nationalstaat zutrifft, wie er erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand.

 
Weitere Informationen  
Prof. Dr. Lucian Hölscher, Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB, GA 6/51, Tel. 0234/32-28691
lucian.hoelscher@rub.de
 
Pressestelle RUB - Universitätsstr. 150 - 44780 Bochum
Telefon: 0234/32-22830 - Fax: 0234/32-14136
E-Mail: pressestelle@presse.ruhr-uni-bochum.de - Leiter: Dr. Josef König
 
 
 
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Letzte Änderung: 19.05.2004 09:46 | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik