Brille hilft Blinden wieder sehen
Umfunktioniertes Nachtsichtgerät trainiert die Sehnerven
Online-Therapie gegen kortikale Blindheit
Wenn Patienten durch eine Kopfverletzung, einen Schlaganfall oder einen Hirntumor erblinden, obwohl die Augen völlig intakt sind, dann kann eine Sehtherapie helfen. Nachdem das Verfahren, das vom Kompetenz- und Servicezentrum für Telemedizin und Traumatologie TELTRA an der Ruhr-Universität Bochum entwickelt wurde, am Computerbildschirm erfolgreich war, gehen jetzt die ersten «Curavis hmd»-Trainingsbrillen in Betrieb: Umfunktionierte Nachtsichtgeräte, die eigentlich für militärische Zwecke gedacht sind, zeigen dem Träger die stimulierenden Muster. «Das ist nicht nur komfortabler als mit einer Kinnstütze vor dem Monitor zu sitzen, sondern verbessert auch die Trainingsbedingungen», erläutert Nicole Steffen von TELTRA , das das weltweit einzige Training gegen die sog. kortikale Blindheit anbietet.
Nervenzellen übernehmen Aufgaben ihrer defekten Nachbarn Patienten, die von der kortikalen Blindheit betroffen sind, können höchstens noch Umrisse oder Bewegungen erkennen, obwohl ihre Augen unversehrt sind. Schuld an der Blindheit ist eine Verletzung der Nervenzellen im Sehzentrum des Gehirns, die den optischen Reiz zu einem Seheindruck verarbeiten.. Meistens sind diese Nervenzellen jedoch nicht in ihrer Gesamtheit zerstört: Durch ein maßgeschneidertes Training können die verbliebenen gesunden Nervenzellen lernen, die Aufgaben ihrer beschädigten Nachbarn mit zu übernehmen.
Online von zu Hause aus trainieren Tägliches Training über mehrere Monate ist dafür unerlässlich. Dank der von TELTRA entwickelten Online-Therapie kortikaler Blindheit (OTCB) kann der Patient zu Hause üben. Nach einer mehrtägigen Untersuchung des genauen Ausmaßes seiner Hirnschädigung in der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität in den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil bekommt der Patient die Zugangsberechtigung zu seiner persönlichen Trainingsumgebung auf der TELTRA-Homepage. Ist er eingeloggt, zeigt ihm der Computer zunächst einige Minuten lang Flacker-Weißlicht zur sog. Basisstimulation, das seine Aufmerksamkeit steigert und sein Gehirn für die Trainingseinheit empfänglich stimmt. Dann beginnt das Training, zunächst mit geometrischen Figuren, später mit komplexeren Bildern, die der Patient erkennen und per Tastendruck bestätigen muss. Der Computer registriert Treffer und Fehler und startet das nächste, schwierigere Trainingslevel erst dann, wenn eine Lektion erfolgreich absolviert ist. Die begleitenden Spezialisten Prof. Dr. Martin Tegenthoff und Dr. Walter Widdig (BG-Kliniken Bergmannsheil, Klinikum der RUB) können von ihren Computern aus den Lernfortschritt der Patienten überwachen und die Lektionen jederzeit individuell anpassen.
Brille schafft mehr Bewegungsfreiheit Bislang trainierten die Patienten am Computermonitor in einem abgedunkelten Raum. Eine Kinnstütze sorgte dafür, dass der Abstand zum Monitor stets gleich war. «Gerade für Patienten, die durch ihre Hirnverletzung zusätzlich unter Spastik litten, war das allerdings sehr anstrengend», so Nicole Steffen, die die Patienten betreut. «Mit der Trainingsbrille können die Patienten entspannt im Sessel sitzen und sich auf die Lichtreize konzentrieren. In der Brille ist es nämlich perfekt dunkel.» Die Brille «Curavis hmd» − hmd steht für head-mounted display − ist über ein Kabel mit einer Steuereinheit verbunden, über die der Patient bestätigt, was er erkannt hat. Brille, Rechner und Steuereinheit bekommen die Patienten leihweise von TELTRA.
Experimentelle Studie zum diffusen Gesichtsfeldausfall Nachdem TELTRA seit etwa einem Jahr erfolgreiche Trainingssysteme gegen die kortikale Blindheit und gegen halbseitige Gesichtsfeldausfälle anbietet, haben die Forscher als nächstes diffuse Gesichtsfeldausfälle, sog. Skotome, im Visier. Erste Tests mit einer entsprechend weiterentwickelten Software starten jetzt.
TELTRA
Vorher: Die Patientin trainiert mit Kinnstütze am Monitor.