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Bochum, 09.09.2005
Nr. 269
  
Zappelphilipp und Co: Chancen und Risiken
Öffentlicher Vortrag in der Ruhr-Universität
Entwicklungspsychologen treffen sich in der RUB
  

Felix kann nicht still sitzen, sich nicht konzentrieren, stört in der Schule ständig und bekommt schlechte Noten. Ist das noch normal oder handelt es sich um eine ernstzunehmende und behandlungsbedürftige Störung – das Zappelphilipp-Syndrom? Und wenn, wie lässt sie sich am besten behandeln? Um diese Fragen geht es bei einem öffentlichen Vortrag am 15. September (17 bis 18 Uhr, Audimax der RUB) im Rahmen der 17. Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie an der Ruhr-Universität. Der Referent, der Psychologe Prof. Dr. Manfred Döpfner (Universität Köln), hat sich auf die Erforschung des Zappelphilipp-Syndroms spezialisiert und baut mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung ein bundesweites Netzwerk für ADHS auf. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Keine Mode-Diagnose
Das Zappelphilipp-Syndrom gehört zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Vor mehr als 150 Jahren hat Heinrich Hoffmann in seinem Struwwelpeter die Problematik von impulsiven, unruhigen und unaufmerksamen Kindern eindringlich beschrieben. Seit die Wissenschaft sich mit diesem Thema beschäftigt, wurde das Problem mit unterschiedlichen Begriffen belegt, die auch auf sehr verschiedene Sichtweisen im Laufe der Jahrzehnte hinweisen: Hyperkinetisches Syndrom (HKS), Minimale Cerebrale Dysfunktion (MCD), Aufmerksamkeitsstörung (ADS), Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) sind die im Laufe der Zeit am häufigsten gebrauchte Begriffe und Konzepte. Doch ADHS ist keine „Mode-Diagnose“, denn sehr oft liegt bei den jungen Patienten eine komplexe Problematik vor; neben den Kernproblemen haben die Kinder und Jugendlichen häufig noch vielfältige andere Probleme, unter anderem aggressives Verhalten und schulische Leistungsprobleme.

Kontroverse Diskussion
Die aktuelle Diskussion in Deutschland ist gekennzeichnet von grundlegenden und sehr kontrovers diskutierten Fragen zur Konzeption dieser Störung, ihrer Häufigkeit und ihren Ursachen sowie zu den anwendungsbezogenen Aspekten der angemessenen Diagnostik und Therapie. Kein anderes Störungsbild liegt stärker im Schnittpunkt von Pädagogik, Psychologie und Medizin. Die einzelnen Disziplinen haben ihren jeweils spezifischen Zugang dazu und können zu einer angemessenen Sichtweise der Thematik und zu einem besseren Umgang mit dem Problem beitragen. Sie sind jedoch auch anfällig für jeweils spezifische Fehleinschätzungen.

Wie sieht ein umfassendes Therapiekonzept aus?
Die wichtigsten aktuellen Themen sollen vor dem Hintergrund von empirischen Forschungsergebnissen diskutiert werden: Handelt es sich um eine Krankheit und welche Kriterien werden bei der Definition angelegt? Was sind die Ursachen des Störungsbildes und wie ist sein Verlauf? Nimmt die Häufigkeit wirklich zu? Was ist bei der Diagnose zu beachten und welche Instrumente sind hilfreich? Welche sind die typischen Schwachstellen in der Diagnostik und Therapie der Kinder und Jugendlichen? Wie kann ein umfassendes Therapiekonzept aussehen, wann ist Pharmakotherapie indiziert und welche Alternativen gibt es? Wie können die verschiedenen Professionen – Pädagogen, Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und viele andere konstruktiv zusammenarbeiten? Welche Möglichkeiten gibt es, Engpässe in der Beratung und psychotherapeutischen Versorgung zu vermindern?

Erleichterung für ca. 60 Prozent der Patienten
Inzwischen steht den Therapeuten ein ganzes Bündel an Maßnahmen zur Verfügung, mit denen die belastenden Situationen in Elternhaus, Kindergarten oder Schule entspannt werden können. Bei vier von fünf Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) lassen sich mit sog. multimodalen Behandlungsansätzen Symptome wie Unruhe oder Konzentrationsschwäche günstig beeinflussen. „Bei etwa 60 Prozent der Patienten können die Beschwerden jetzt sogar weitgehend beseitigt werden“, erklärt Prof. Manfred Döpfner. Voraussetzung ist eine kombinierte und weit gespannte Therapie, die immer auch das soziale und schulische Umfeld einbezieht. „Von besonderer Bedeutung ist zunächst die umfassende Aufklärung der Familie, sagt Prof. Döpfner. „Wenn die Eltern verstehen, warum ihr Kind sich so verhält und auch das Kind begreift, weshalb es im Unterricht nicht still sitzen kann, ist schon viel gewonnen.“ In Schulungen, Beratungen und Trainingsgruppen, in denen konkrete Alltagssituationen durchgespielt werden, erfahren Eltern, warum die viel zitierte „Gardinenpredigt“ ihren Sprössling wenig beeindruckt, dagegen kurze und klare Anweisungen sehr wirksam sein können.

Eltern und Lehrer müssen mitziehen
Auch Lehrer nehmen eine wichtige Rolle ein. Statt ständig zu schimpfen („Wenn Du nicht still bist, fliegst Du raus“), können sie den Störenfried in der ersten Reihe platzieren und spezielle Fingerzeige oder Schlüsselwörter verabreden. Überspannt das Kind während des Unterrichts den Bogen, hilft dann oft das vereinbarte Zeichen, um es wieder auf den Boden zu holen. Ein ähnliches Vorgehen kann bereits im Kindergarten angewandt werden. Das Kind profitiert besonders von einer Kombination aus Verhaltenstherapie, in die Eltern und Lehrer einbezogen sind, und einer medikamentösen Therapie u. a. mit „Ritalin“. Diese reguliert die Impulsivität und ermöglicht den Kindern, sich besser zu konzentrieren und länger aufmerksam zu bleiben. Die Nebenwirkungen sind meist gering, dennoch sollten Medikamente den schweren Fällen vorbehalten bleiben. Ergänzend können sie an sozialem Kompetenztraining teilnehmen und sich Ergotherapie, Psychomotorik sowie Einzel- oder Gruppenpsychotherapien unterziehen. Doch trotz aller Fortschritte: ADHS ist nicht heilbar. Prof. Döpfner: „Zwar bessert sich die motorische Unruhe und auch andere Probleme bei vielen bereits im Jugendalter. Aber 30 bis 50 Prozent der Patienten nehmen Impulsivität und Konzentrationsschwäche mit ins Erwachsenenalter.“

 
Weitere Informationen  
Prof. Dr. Axel Schölmerich, Dr. Marlies Pinnow, Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-28672/-24627


axel.schoelmerich@rub.de
marlies.pinnow@rub.de
 
Pressestelle RUB - Universitätsstr. 150 - 44780 Bochum
Telefon: 0234/32-22830 - Fax: 0234/32-14136
E-Mail: pressestelle@presse.ruhr-uni-bochum.de - Leiter: Dr. Josef König
 
 
 
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Letzte Änderung: 09.09.2005 10:57 | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik