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Bochum, 17.02.2006
Nr. 62
  
Die Dresdner Bank im Dritten Reich
Erstmals erforscht: „Verstrickungen“ einer Großbank
Forscher aus Berlin, Bochum und Dresden legen Studie vor
  

Nach rund acht Jahren und der Sichtung von mehr als zwölf Kilometern Akten liegt das Ergebnis nun vor: Erstmals haben Wissenschaftler die Rolle der Dresdner Bank im Dritten Reich erforscht. Herausgekommen ist dabei keine Anklageschrift, sondern eine detaillierte historische Studie in vier Bänden. Unter der Projektleitung von Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke (TU Dresden) haben PD Dr. Johannes Bähr (FU Berlin), Prof. Dr. Dieter Ziegler und Dr. Harald Wixforth (beide RUB) das Werk verfasst. Die Studie wird heute in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein zentrales Ergebnis: Die Bank war kein „verlängerter Arm“ der Rüstungsbürokratie oder der SS-Führung; vielmehr suchte der Vorstand aus geschäftlichem Interesse bewusst und zielstrebig die Nähe zum NS-Regime.

„Erschreckende moralische Indifferenz“
Diese konsequente Ausrichtung ihrer Geschäftspolitik an einer rein geschäftlichen Logik war allerdings nur um den Preis einer „erschreckenden moralischen Indifferenz“ möglich, die keineswegs nur das Verhalten der beiden SS-Ehrenoffiziere Emil Meyer und Karl Rasche kennzeichnete: Zu diesem Ergebnis kommt Johannes Bähr im ersten Band. Er untersucht den Aufbau und die Geschäftsentwicklung der Dresdner Bank seit der Bankenkrise von 1931 bis zum Kriegsende 1945 sowie die geschäftlichen und politischen Verbindungen zwischen Bank und NS-Staat.

Weit über das gesetzliche Maß hinaus
Der Bochumer Historiker Prof. Dieter Ziegler (Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte) beleuchtet im zweiten Band die drei Dimensionen der wirtschaftlichen Verfolgung der Juden im „Altreich“: Die Verdrängung der jüdischen Angestellten und die Diskriminierung der jüdischen Betriebsrentner, die „Arisierung“ gewerblichen Eigentums und die Konfiskation (Enteignung) privater Vermögen durch den Staat. „An allen drei Dimensionen war die Dresdner Bank beteiligt. Teilweise aufgrund zwingender gesetzlicher Vorschriften, teilweise aber auch indem sie weit über das gesetzlich geforderte Maß hinausging – etwa in der Erwartung, dass es die jüdischen Verfolgten nicht wagen würden, ihr Recht vor einem deutschen Gericht einzufordern“, so Prof. Ziegler.

Den Konkurrenten ausgestochen
Der dritte Band von Harald Wixforth behandelt die wirtschaftliche Durchdringung der vor und während des Krieges besetzten Länder. Im Mittelpunkt stehen dabei das heutige Tschechien, Polen und die Niederlande, aber auch Österreich, Belgien, die besetzten sowjetischen Gebiete, das Baltikum und der Balkan. „Hier zahlte sich die Nähe der Dresdner Bank zum Regime besonders aus“, so Dr. Wixforth. Denn nicht selten gelang es der Dresdner Bank dank ihrer guten Beziehungen zu Görings Vierjahresplanbehörde und dem Wirtschaftsimperium der SS, den Branchenführer und wichtigsten Konkurrenten Deutsche Bank bei der Neuordnung des Bankwesens nach der Besetzung auszustechen. Die Dresdner Bank konnte sich so die lukrativsten Objekte nach der „Germanisierung“ der Großindustrie (etwa durch die „Hermann-Göring-Werke“) als Kreditkunden sichern.

Mittäterin in Polen
Nicht zuletzt durch ihre enge Verbindung zur SS machte sich die Dresdner Bank in Polen zum „Mittäter“ bei der nationalsozialistischen „Volkstums- und Vernichtungspolitik“, wie Prof. Klaus-Dietmar Henke in seinem zusammenfassenden vierten Band betont. Die Studie umfasst insgesamt etwa 2.400 Seiten. Sie orientiert sich in ihrer Fragestellung eng an dem Untersuchungsbericht, den die US-amerikanische Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg über die Rolle von Großbanken und Großindustrie, darunter auch der Deutschen Bank und der Dresdner Bank, erstellt hatte und der dann wenig später als Legitimation dienen sollte, das deutsche Bankwesen zu dezentralisieren.

„Anklageschrift“ der Amerikaner
Bereits nach dem Krieg hatten die amerikanischen Ermittler die Rolle der Dresdner Bank unter drei Gesichtspunkten untersucht: Welche besondere Nähe hatte sie zum Regime und welche Bedeutung für die Kriegsvorbereitung? Hat sie sich der „Ausplünderung der Juden“ schuldig gemacht? Welchen Beitrag leistete die Bank, besetzte Länder wirtschaftlich auszubeuten? Herausgekommen war damals keine historische Studie, sondern eine Anklageschrift, der die Bank mit einer ebenso einseitigen Verteidigungsschrift begegnete, als sie noch damit rechnen musste, dass auch ihr Führungspersonal in Nürnberg angeklagt werden würde. Seitdem ist zur Geschichte der Dresdner Bank im Nationalsozialismus nicht mehr geforscht worden. Denn die Bank hielt ihre Akten unter Verschluss und auch die größtenteils in den Ostblockstaaten verbliebene staatliche Überlieferung war bis Anfang der neunziger Jahre für die Wissenschaft nicht zugänglich.

Zwölf Kilometer Akten
Das nun vorliegenden Gesamtwerk entstand innerhalb von fast acht Jahren unter der Projektleitung von Prof. Dr. Klaus-Dietmar Henke (TU Dresden) und wurde im Wesentlichen von den drei Hauptautoren PD Dr. Johannes Bähr (FU Berlin), Dr. Harald Wixforth und Prof. Dr. Dieter Ziegler (beide heute an der Ruhr-Universität) verfasst. Einzelne Kapitel haben Doktoranden beigesteuert, von denen drei bis vor kurzem an der Ruhr-Universität beschäftigt waren. Die Quellengrundlage bildeten dabei nicht nur die etwa zwölf Kilometer Akten, die sich heute im Historischen Archiv der Dresdner Bank befinden und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit nun frei zugänglich sind, sondern auch Aktenbestände in Ost- und Ostmitteleuropa, Westeuropa und den USA.

Titelaufnahme
Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): Die Dresdner Bank im Dritten Reich (in in vier Teilbänden von Johannes Bähr, Dieter Ziegler, Harald Wixforth und Klaus-Dietmar Henke), R. Oldenbourg Verlag 2006, 2374 S., 79,80 Euro, ISBN 3-486-57780-8

Coverfoto der Bände
Das Foto zeigt den Vorstand der Dresdner Bank ca. 1937 unter einem Hitler-Portrait. Außen sitzen die beiden SS-Ehrenoffiziere Emil Meyer (links) und Karl Rasche (rechts).
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Weitere Informationen  
Prof. Dr. Dieter Ziegler, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB, Tel. 0234/32-24660, E-Mail: dieter-ziegler@web.de
 
Pressestelle RUB - Universitätsstr. 150 - 44780 Bochum
Telefon: 0234/32-22830 - Fax: 0234/32-14136
E-Mail: pressestelle@presse.ruhr-uni-bochum.de - Leiter: Dr. Josef König
 
 
 
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Letzte Änderung: 17.02.2006 11:55 | Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik